Torpfosten verschieben
erzeugt:2016-11-08
letzte Änderung:2017-02-12

Ein Argument muss hinreichend, nicht allumfassend begründet werden, um Gültigkeit zu haben. Wird einem Argument seine Gültigkeit abgesprochen, weil es nicht allumfassend begründet worden ist, und werden in Folge immer weitere Beweise gefordert, liegt ein Fehlschluss vor.

Das soll an einem Beispiel verdeutlicht werden: Ein Nachbar findet einen Mann erschlagen auf der Straße vor dem Haus, und glaubt, dass der Mörder der Herr Hofer1 ist, ein psychisch angeschlagener und instabiler Mann, der im Haus wohnt. Andere Leute aus dem Haus kommen hinzu, die Stimmung heizt sich auf, als die auf das Lärmen aufmerksam gewordene Hausmeisterin dazustößt und, da sie die Hausbewohner alle gut kennt, das Gesicht erkennt und zweifelsfrei feststellt, dass die Leiche der Hofer selber ist. Damit kann er nicht der Mörder sein.

Würde jetzt ein Hausbewohner einwenden, dass er den Hofer immer mit einem alten Mantel bekleidet gesehen hat, die Leiche aber nur mit einem Hemd auf der Straße liegt, und er daher nicht glauben will, dass der Hofer nicht frei herumläuft, so ist das kein gültiges Gegenargument, weil die zweifelsfreie Identifikation über das Gesicht bereits für die Feststellung, dass die Leiche der Hofer und er damit keine Bedrohung mehr für andere ist, ausreicht. Es müssen also nicht alle Umstände bis ins letzte Detail geklärt sein, es reicht die Feststellung der ausschlaggebenden Fakten.

Der absolute Klassiker unter dieser Art von widerlogischer Argumentation ist in Form im Geschichtsrevisionismus zu finden (Stichwort Holocaustleugnung), aber auch im ➚Kreationismus, wo man beispielsweise aus den tatsächlich existierenden Lücken im bekannten Stammbaum unserer Spezies auf die Ungültigkeit des Prinzips der Evolution als Ganzem schließen will.2

Das „Verschieben von Torpfosten“, wo, wenn die Gegenseite von ihr geforderte Beweise für ihre Argumentation erbringt, woraufhin einfach neue Beweise gefordert werden, um es so aussehen zu lassen, dass die Argumentation der Gegenseite unzulässig wäre, ist eine von Vertretern und Vertreterinnen extremistischer Ideologien oft eingesetzte Vorgehensweise, der man allerdings in der Regel durch Entlarven gut begegnen kann.


1: Ja, dieses Beispiel leitet sich tatsächlich vom bekannten ➚Lied von Wolfgang Ambros ab.

2: Siehe dazu auch: ➚www.ratioblog.de/entry/fehlschluss-6-ver…