Leiden
erzeugt:2016-11-10
letzte Änderung:2016-11-26

Leid ist ein emotional belastender Zustand, allen voran jede Form von Schmerz. Dass Leid etwas Schlechtes ist, ist dabei emotional1 unmittelbar zugänglich, angesichts wahrgenommenen Leids in der Tierhaltung wird Veganismus als Weg aufgefasst, wirksam Tierleid zu verhindern. Diese Haltung ist aber aus mehreren Gründen grundlegend falsch. So ist Leid zum Beispiel nicht messbar, es ist zweifelhaft, ob Veganismus überhaupt der effektivste Weg der Leidvermeidung ist, und letztlich ist selbst das Prinzip der Leidvermeidung an sich als moralischer Standard fragwürdig. Salopp formuliert: Was hätte die Welt davon, leidfrei unterzugehen?

die Unmessbarkeit von Leid

Ein grundlegendes Problem etwa ist das der Unmessbarkeit von Leid. Einmal ganz abgesehen davon, dass eine Welt ohne (Tier-) Leid schlicht unmöglich ist – Leid ist eine Charakteristik des Lebens an sich, die einzige effektiv leidfreie Welt wäre eine tote Welt – macht das die Aufrechnung von Leid gegen anderes Leid im Bestreben, Tierleid auf der Welt so weit wie möglich zu reduzieren, zu einem subjektiven und damit bestenfalls schwierigen Unterfangen, und auch unter Tierrechtlern ist offensichtlich nicht klar, was jetzt „vermeidbar“ ist und was „unvermeidbar“.2

Es gibt außerdem mehrere triftige Gründe, in Zweifel zu ziehen, wieso das Prinzip der Leidverhinderung bzw. -vermeidung ausgerechnet gegen Tierhaltung sprechen sollte:

Leid in der Natur

„In Gefangenschaft“ gehaltene Tiere haben in der Regel ein stressärmeres Leben als ihre frei lebenden Artgenossen. Ihre Futterversorgung ist sichergestellt, sie sind ärztlich betreut, und beenden ihr Leben – sofern es sich um Schlachtvieh handelt – kurz und schmerzlos, im Gegensatz zu ihren wild lebenden Artgenossen, die in dauernder Gefahr vor dem Verhungern, Siechtum durch Krankheiten, dem Zerrissenwerden durch Fressfeinde und im Konkurrenzkampf mit Artgenossen leben müssen, denn die Natur ist kein Idyll.3

Leid in der Massentierhaltung

Wird nun argumentiert, dass Massentierhaltung eine Quelle erheblichen Tierleids und damit abzuschaffen sei, so ist das schlicht und ergreifend logisch falsch, weil der Zweck der Massentierhaltung nicht das Hervorrufen von Leid ist, sondern Nahrungsmittelproduktion, und ein moderner, den gesetzlichen Bestimmungen entsprechend geführter Betrieb seinen Tieren wohl zwar kein Luxusleben ermöglicht, sie aber eben auch nicht – siehe dazu den vorigen Punkt – zu einem Leben in Qual und Elend verdammt.

Veganismus ≠ Leidvermeidung

Es ist fraglich, ob eine vegane Ernährung tatsächlich weniger Tierleid und Tiertode hervorruft als eine mischköstliche. Da auch etwa beim Pflügen eines Feldes Tiere sterben – ein guter Teil der Bodenbewohner wird erdrückt und erstickt – wäre das Fleisch eines in der Wildnis erlegten Rehs mit womöglich weniger Tierleid behaftet als ein Laib Brot – wenn eine vegane Lebensweise jetzt wirklich aus dem Prinzip der bestmöglichen Leidvermeidung abgeleitet wird, könnte man aus dem demselben Prinzip heraus Fleischverzehr argumentieren!

Leid und Tierversuche

Was, wenn Leid am besten vermieden werden kann, in dem Leid hervorgerufen wird? Tierversuche zum Beispiel dienen ja genau der Bekämpfung von Krankheit und Leid. Denn ja, bei Tierversuchen leiden und sterben Tiere. Doch was, wenn dadurch, dass 1000 Tiere leiden, 1000 000 Tieren Krankheit und Leid erspart wird? Der tierrechtlerische Ansatz, Tierversuche zu verbieten, würde also letzten Endes mehr Leid hervorrufen, als er verhindert, weshalb etwa auch der „Tierrechts-Philosoph“ Peter Singer Tierversuche nicht ablehnt.4


1: Siehe dazu auch: Gefühl, Verstand und Vernunft

2: ➚de.veganwiki.org/diskurs/konsequenz

3: Siehe dazu: das Bambisyndrom

4: Siehe dazu: Singers Präferenzutilitarismus