März 2015 

das Adorno-Zitat
erzeugt:2016-11-11
letzte Änderung:2016-11-11

Unlängst gelingt es, dank eines Leserbriefs eine Lücke zu schließen, und zwar, was es mit folgendem angeblichen Zitat von T.W. Adorno auf sich hat, welches da heißt:

Auschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthaus steht und denkt: „es sind ja nur Tiere“

Die Sache ist inzwischen abgeklärt, der entsprechende Artikel angepasst – meinen Dank an den Verfasser bewussten Leserbriefs – dennoch ist es interessant, hier ein bisschen tiefer zu graben, denn Horkheimer und Adorno äußern sich recht kritisch zum Thema Tierversuche, so schreiben sie in der Dialektik der Aufklärung im Kapitel Mensch und Tier:1

Die Idee des Menschen […] drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernunft2 beweisen sie die Menschenwürde. […] Daß sie auf die Menschen dieselben Formeln und Resultate anwenden, die sie, entfesselt, in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen, bekundet den Unterschied auf besonders abgefeimte Art.

Hier ist Horkheimer und Adorno vorzuwerfen, dass sie keine Ahnung von der Systematik und den Notwendigkeiten medizinischer Forschung haben; was würden die beiden wohl dazu gesagt haben, dass viele Krankheiten, die früher ein sicheres und grausames Ende bedeutet hätten, heute heilbar bzw. soweit behandelbar sind, dass den Erkrankten ein menschenwürdiges und langes Leben möglich ist? Dennoch: Obiges Zitat hat die eine Qualität, die das Auschwitz-Zitat nicht hat: Es ist korrekt. Aber das ist eben eines der Merkmale einer Ideologie wie des Tierrechtlertums: Effektive faktische Richtigkeit ist unbedeutend, nichts wird überprüft, um etwas als wahr einzustufen, reicht es, dass es ins eigene Weltbild passt.

Ganz wurscht, ob es den Tatsachen entspricht oder nicht.


1: Horkheimer, Adorno: Dialektik in der Aufklärung. Fischer-Verlag, Berlin 1975, ISBN 3-436-01487-7, Seite 219ff

2: Horkheimer und Adorno meinen hier nicht widervernünftiges, sondern vernunftloses Handeln.